Im üppigen Herzen der japanischen Präfektur Mie liegt ein so verehrter und geheimnisvoller Zufluchtsort, dass er seit fast zwei Jahrtausenden Pilger und Gelehrte in seinen Bann zieht. Der Große Schrein von Ise, im Japanischen als Ise Jingū bekannt, ist ein Beweis für die anhaltende Macht des Glaubens und der Bräuche des Landes der aufgehenden Sonne.
Der innere Schrein oder Naikū ist das Zentrum dieses riesigen spirituellen Komplexes mit sage und schreibe 125 Schreinen. Dieser heilige Bezirk, offiziell Kōtai Jingū getauft, ist Amaterasu Ōmikami gewidmet, der himmlischen Sonnengöttin, von der die japanische Kaiserlinie abzustammen behauptet. Der Heilige Spiegel oder Yata no Kagami, der angeblich zu den drei kaiserlichen Insignien gehört, die das göttliche Recht des Kaisers repräsentieren, wird hier im innersten Heiligtum aufbewahrt.
Naikū wurde geschaffen, um die Seele auf den Kontakt mit dem Göttlichen vorzubereiten. Es ist eine Straße durch Zeit und Raum. Pilger gehen über die historische Uji-Brücke über das kristallklare Wasser des Isuzu-Flusses, der manchmal als die „fünfzig Glocken“ bezeichnet wird und die mythische Gründung des Schreins widerspiegelt. Die Luft scheint sich zu verdichten, mit einem fast körperlichen Gefühl des Heiligen, wenn man sich dem Zentrum des Komplexes nähert.
Trotz all seiner spirituellen Anziehungskraft bleibt das Allerheiligste von Ise für die große Mehrheit der Gäste unerreichbar. Vier konzentrische Holzzäune aus hoch aufragenden Zypressen schützen vor sterblichen Blicken, und das zentrale Schreingebäude ist ein Rätsel, dessen Geheimnisse seit Jahrhunderten streng gehütet werden. Das große Privileg, dieses Allerheiligste zu betreten, wird nur den ranghöchsten Shinto-Priestern und Mitgliedern der kaiserlichen Familie zuteil.
Für die vielen Pilger und neugierigen Besucher, die nach Ise reisen, ist die Begegnung eine respektvolle Betrachtung aus der Ferne. Von dort, wo man das einzigartige Strohdach des Schreingebäudes durch das üppige Blätterdach sehen kann, kann man sich dem am nächsten gelegenen Zaun nähern. Hier sprechen die Besucher ihre Gebete, ihre geflüsterten Hoffnungen werden vom Wind getragen, um Amaterasu persönlich zu erreichen.
Abgesehen von der Wahrung der Reinheit des Schreins selbst trägt die Exklusivität des inneren Heiligtums dazu bei, die Würde des Heiligen Spiegels zu bewahren. Die Shinto-Lehre besagt, dass die Idee von Kegare – oder spiritueller Unreinheit – absolut entscheidend ist. Der Schrein garantiert, dass Amaterasus Wohnstätte von der profanen Welt unberührt bleibt, indem er den Zugang nur denjenigen gestattet, die als würdig erachtet werden.
Diese Hingabe an die Reinheit geht über einfache Zugangsbeschränkungen hinaus. Alle zwanzig Jahre wird der gesamte Schreinkomplex – einschließlich der Uji-Brücke – systematisch zerstört und wieder aufgebaut, ein Brauch, der die Betrachter seit Jahrtausenden fasziniert. Dieser als Shikinen Sengu bekannte Brauch spiegelt die Shinto-Ideen von Tod und Wiedergeburt wider und stellt so sicher, dass das zum Bau dieser heiligen Gebäude erforderliche Wissen an die nächste Generation weitergegeben wird.
Der Wiederaufbau ist ein Wunderwerk klassischer japanischer Handwerkskunst. Sorgfältig ausgewählt und nach jahrhundertealten Methoden geformt, wurden massive Zypressenstämme verwendet. Die Gebäude wurden mit komplexen Tischlerarbeiten zusammengefügt, die das erhabene Können der Handwerker betonen, statt mit Nägeln. Abgesehen von pragmatischen Zwecken stellt diese zyklische Wiedergeburt den ewigen Charakter der göttlichen Präsenz im Inneren dar.
Wenn man die geheimen Schönheiten des inneren Heiligtums von Ise betrachtet, erkennt man, dass ihre Unzugänglichkeit für ihre Macht entscheidend ist. Für jeden Besucher verstärkt das Mysterium, das den Heiligen Spiegel umgibt, und die in seiner Gegenwart durchgeführten Rituale ihre spirituelle Erfahrung. Die verbotenen Bereiche des Großen Schreins von Ise erinnern an den unbeschreiblichen Charakter des Göttlichen in einer Gesellschaft, in der wenig wirklich unbekannt bleibt.
Für diejenigen, die nach Ise reisen, ist die Reise eine Reise der spirituellen Selbstbeobachtung und des kulturellen Eintauchens. Obwohl das innere Heiligtum immer weit weg ist, öffnen die umliegenden Wälder, kunstvollen Torii-Tore und gepflegten Kieswege ein Fenster zum Kern der Shinto-Spiritualität. Hier, im Zusammenspiel von Licht und Schatten, von Sichtbarem und Unsichtbarem, entdecken Pilger eine Verbindung zu etwas Größerem als sich selbst – ein Faden, der die Gegenwart mit einer alten und fortwährenden Vergangenheit verbindet.
Letztendlich ist es vielleicht gerade diese Unzugänglichkeit, die dazu beiträgt, dass der Große Schrein von Ise weiterhin die am meisten verehrte spirituelle Stätte Japans bleibt. Ise ist eine Hochburg der Tradition, deren Geheimnisse streng gehütet und deren Reinheit für die nächsten Generationen bewahrt wird, in einem Land, in dem Altes und Neues in zarter Harmonie leben. Für diejenigen, die vor seinen Toren stehen, ist die greifbare Kraft des Unsichtbaren ein Beweis für das fortdauernde Mysterium und die Erhabenheit des spirituellen Erbes Japans.