Wenn die Favelas die sozialen Schichten Rios unterstreichen, so unterstreichen der Karneval und die Musikkultur seinen Geist. Der Karneval von Rio ist weltberühmt – ein buntes Treiben aus Kostümen, Samba und Straßenfesten, das jedes Jahr Ende Februar oder Anfang März die Stadt erfasst. Offiziell finden die Paraden im Sambadrom statt (einem 1984 erbauten Freiluftstadion), wo die besten Sambaschulen der Stadt mit aufwendigen Festwagen und Kostümen in einem im Fernsehen übertragenen Wettbewerb gegeneinander antreten. Im Jahr 2018 nahmen beispielsweise rund 6 Millionen Menschen am Karneval von Rio teil. Davon waren rund 1,5 Millionen Touristen (sowohl aus dem In- als auch aus dem Ausland). Das Guinness-Buch der Rekorde bestätigt, dass der Karneval von Rio mit so vielen Feiernden der größte der Welt ist.
Karneval ist untrennbar mit Samba-Musik und -Tanz verbunden. Samba hat seinen Ursprung in Rios afrobrasilianischen Communities (mit Wurzeln in Bahia), und die Sambaschulen der Stadt (z. B. Portela, Mangueira, Beija-Flor) sind nachbarschaftsbasierte kulturelle Einrichtungen. Für Besucher ist der Besuch einer Sambaprobe oder das Tanzen in einem Bloco (Straßenkapelle) ein Highlight. Auch außerhalb der Karnevalszeit lebt Samba in den nächtlichen „Rodas de Samba“ in diversen Bars in Lapa oder im Rio Scenarium (einem alten Lagerhaus, das zum Samba-Club umgebaut wurde) weiter. In den späten 1950er- und 1960er-Jahren kam in der Stadt auch der Bossa Nova auf die Welt: Stellen Sie sich einen Sonnenuntergang an der Copacabana vor, begleitet von der sanften Gitarrenmusik von Tom Jobim, der Garota de Ipanema singt. Obwohl Bossa Nova heute weltweite Folklore ist, ist sein Geist – sanft, melodisch, meeresnah – in den Cafés und Lounges Rios noch immer spürbar. Am anderen Extrem dröhnt Funk Carioca (ursprünglich aus den Favelas) aus Megaphonen in billigen Bailes (Tanzpartys) und Clubs und repräsentiert die urbane Straßenenergie der Stadt.
Auch jenseits der Musikszene ist Rios Kunstszene lebendig. Straßenkunst ziert viele Wände (jenseits der Selarón-Treppe), insbesondere in Vierteln wie Botafogo und Santa Teresa, wo Projekte Wandmalereien in Auftrag geben. Galerien gibt es zwar weniger als in São Paulo, dafür verfügt Rio aber über Zentren für zeitgenössische Kunst wie das Museu de Arte Moderna (in Flamengo) und das Museu de Arte Contemporânea (MAC) in Niterói (auf der anderen Seite der Bucht). Mode- und Designmessen (wie die Fashion Rio und die Feira Moderna) präsentieren lokale Talente. Die Brasilianer führen ihr beliebtes Image zu einem großen Teil auf Rios kreatives Ambiente zurück – laut UNESCO-Liste ist die Stadt „auch für die künstlerische Inspiration bekannt, die sie Musikern, Landschafts- und Stadtplanern gegeben hat“.
Auch religiöse und kulturelle Feste spielen eine Rolle im Leben Rios. Katholische Feiertage (Fronleichnam, Día de Nossa Senhora) werden oft von Prozessionen begleitet. Rio hat außerdem bedeutende afrobrasilianische Feste zu bieten: Jeden 2. Februar ist beispielsweise der Tag der Iemanjá, der Meeresgöttin. Tausende Gläubige, viele in Weiß gekleidet, versammeln sich an den Stränden der Südzone (Copacabana, Ipanema, Leblon), um Opfergaben (Blumen, Schmuck) ins Meer zu werfen. (Der 2. Februar ist im Candomblé der Iemanjá-Tag; in Umbanda wird sie am 15. Februar gefeiert.) Das Ritual unterstreicht den Synkretismus der Stadt: Im Rio des 20. Jahrhunderts existierten christliche Frömmigkeit und afrikanisch verwurzelte Glaubensvorstellungen nebeneinander. Sogar die Christusstatue hat ihre säkulare Seite – die Einheimischen erwähnen oft, dass „Christus auf die Favelas herabblickt“, was Inklusion symbolisiert (obwohl dies eine zu starke Vereinfachung sein kann).