Moldawiens bescheidene Größe (ca. 33.800 km²) lässt seine überragende Bedeutung im europäischen Kontext außer Acht. Warum sollte sich ein Reisender für diese ruhige Republik interessieren? Die Antwort liegt in der einzigartigen Verschmelzung von Geschichte und Kultur. Hier findet man lebendige Verbindungen des römisch-byzantinischen mittelalterlichen moldauischen Herzogtums, des osmanischen Einflusses, des russischen Reiches und der modernen europäischen Ambitionen – alles eng miteinander verwoben. In einem einzigen Dorf kann sich eine orthodoxe Kirche befinden, die von einem Fürsten aus dem 15. Jahrhundert erbaut wurde, ein Denkmal für die Soldaten der Roten Armee aus dem Zweiten Weltkrieg und ein türkischer Friedhof aus dem 18. Jahrhundert, der die multikulturelle Vergangenheit widerspiegelt.
Moldawien ist auch ein Knotenpunkt zwischen Ost und West. Seine 2,5 Millionen Einwohner stehen an einem geographischen Wendepunkt: rumänische Sprache und Bräuche auf der einen Seite, slawisches und sowjetisches Erbe auf der anderen. Die jüngste Geschichte des Landes – Unabhängigkeit 1991, ein angespanntes Verhältnis zu Russland, die Annäherung an die EU – verdeutlicht die Dilemmata, mit denen viele osteuropäische Staaten heute konfrontiert sind. In diesem Sinne bedeutet das Verständnis Moldawiens, umfassendere Strömungen zu verstehen: das Schicksal der sowjetischen Nachfolgestaaten, die Widerstandsfähigkeit von Minderheiten (wie den Gagausen oder Rumänen) und die kulturellen Brücken, die Europa verbinden.
Rein kulturell betrachtet ist Moldawien eine wahre Schatzkammer. Seine Küche (Maisbrei Mămăligă, Pflaumenschnaps, Schafskäse) weist Einflüsse des Balkans, der Ukraine und Rumäniens auf. Seine Volksmusik – mit alten Balladen auf der Gusle und der traurigen Zigeunergeige – bewahrt Melodien, die anderswo verloren gegangen sind. Nationalfeiertage wie Hram (Dorffest) oder Martisor (Frühlingsfest) bieten Einblicke in ein synkretistisches Volksethos. Sogar die Flagge Moldawiens – eine Trikolore aus Blau, Gelb und Rot – verbindet das Land optisch mit dem rumänischen Kulturraum. Doch der moldauische Staat hat seine eigenen Geschichten: Stefan cel Mares Widerstand, den Unabhängigkeitskrieg der 1990er Jahre und sogar die gewaltsamen Demonstrationen von 1989, als Studenten das lateinische Alphabet forderten.
Und schließlich ist Moldawien wichtig, weil es uns daran erinnert, wie lebendig „das Herz Europas“ abseits der ausgetretenen Pfade sein kann. Während Touristen Prag oder die Toskana überschwemmen, bietet Moldawien eine geschichtsträchtige Landschaft, die sich unmittelbar anfühlt – nur erleuchtet von Sonnenlicht, Laternen in Höhlen oder dem Schein eines Dorfofens. In Mileștii Mici kann man 50 Meter unter der Erde zehn Jahre alten Sekt schlürfen, während Căprianas jahrhundertealte Eichenhaine im Frühling Schutz bieten. In Chişinău trifft Straßenkunst auf Mosaike aus der Sowjetzeit. Über Orheiul Vechi kreisen Kräne, und Wildblumen drängen sich zwischen jahrtausendealten Ruinen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Moldawien mag zwar auf vielen Landkarten fehlen, doch es ist ein Mosaik vergessener oder übersehener Teile Europas. Seine Weinberge bringen Wein hervor, der einst zaristische Bankette schmückte, seine Klöster hüten spirituelle Schätze, die älter sind als Rumäniens Staatlichkeit, und seine Menschen tragen die vereinten Erinnerungen an Römer, Kosaken, Osmanen und Sowjets in sich. Moldawien zu bereisen bedeutet, Schichten der Geschichte zu durchqueren. Die Geschichte dieses kleinen Landes – von untergegangenen Imperien, bewahrter Natur und geschmiedeter Identität – ist in die größere europäische Geschichte verwoben. Moldawiens Unbekanntheit macht es umso wertvoller: eine tiefgründige Fußnote, die bei genauer Betrachtung eine umfassendere Geschichte Europas selbst erzählt.